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2.2. Linguistische und didaktische Grammatiken

Werfen wir einen Blick in den Online-Katalog oder in den Präsenzbestand einer Bibliothek, können wir sehen, dass es eine Vielzahl von Grammatiken zur deutschen Sprache gibt. So fällt uns die Entscheidung nicht leicht, eine Grammatik auszuwählen, wenn wir einer grammatischen Fragestellung nachgehen wollen. In welcher Grammatik finden wir z. B. auf die Frage eine Antwort, warum der Terminus „Grammatik" feminin ist? Diese Frage ergibt sich für einen DaF-Lerner, wenn er versucht, seine Lerntätigkeit zu optimieren, indem er nach Regeln zur Genuszuweisung sucht.

Zu dieser konkreten Frage lohnt es sich, eine so genannte „didaktische Grammatik" in die Hand zu nehmen. Eine didaktische Grammatik beschreibt - wie das das Attribut „didaktisch" auch explizit angibt - die Regularitäten einer Sprache für Sprachlerner. Das erklärte Ziel einer didaktischen Grammatik ist, die Sprache so zu beschreiben, dass die Beschreibung den Lernprozess fördert.

Der Begriff „Grammatik als Nachschlagewerk" lässt sich also unter dem Aspekt der Benutzergruppe weiter differenzieren. Wir unterscheiden zwischen den gerade angesprochenen didaktischen (oder pädagogischen) und den linguistischen Grammatiken.
Linguistische Grammatiken (z. B. Eisenberg 2006, Zifonun et all. 1997) setzen sich zum Ziel, eine Sprache wissenschaftlich, systematisch und umfassend zu beschreiben. Linguisten erstellen Theorien unter anderem darüber, welche sprachlichen Formen es gibt, wie Sprache funktioniert.

Eine didaktische Grammatik wird für die Zielgruppe Sprachlerner geschrieben (z. B. Eppert 2011, Heringer 2013, Hoberg / Hoberg 2009). So ist es wichtig, dass die Beschreibungen verstehbar, lernbar und anwendbar sind. Über Verstehbarkeit, Lernbarkeit und Anwendbarkeit hinaus wird von einer didaktischen Grammatik häufig erwartet, dass sie grammatische Phänomene möglichst visualisiert. Ein Beispiel zur Visualisierung ist die Darstellung von Präpositionen in der Grammatik von Götze (2000). Darin sind die Bedeutungen der Präpositionen „in", „vor" und „hinter" bildlich dargestellt (siehe Abb.4).


Abb. 4: Darstellung der Bedeutungen von Präpositionen (Götze 2000: S. 214)

Typisch ist noch für eine gute didaktische Grammatik, dass sie anstatt einer umfassenden Beschreibung der Grammatik eine Auswahl trifft. Die Auswahl richtet sich zum einen nach der Niveaustufe der Lerngruppe. Zum anderen wählt eine didaktische Grammatik Theorien und Ansätze aus verschiedenen linguistischen Grammatiken aus und versucht sie für Sprachlernzwecke anzuwenden. Die meisten didaktischen Grammatiken verwenden die Valenztheorie.

„Unter Valenz wird die Eigenschaft bestimmter Ausdrücke verstanden, Leerstellen zu eröffnen, die mit anderen sprachlichen Ausdrücken gefüllt werden, damit ein semantisch vollständiger und grammatisch korrekter Ausdruck gebildet werden kann." („Valenzbegriff" in „IDS grammis, grammatische Fachbegriffe": http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/sysgram.ansicht?v_typ=d&v_id=2871).

Durch die Valenztheorie wurde das traditionelle Satzmodell in mehreren didaktischen Grammatiken abgelöst (siehe z. B. in CANOONET: http://canoo.net/ - Suchwort: Valenz). Verständliche und gut visualisierte Darstellungen zum Valenzbegriff liefert z. B. auch die Schülergrammatik von Götze (siehe Abb. 5).


Abb. 5: Tabellarische Darstellung von Satzbauplänen (Götze 2000: 80).

Die Valenztheorie hat also in mehreren modernen didaktischen Grammatiken, in Übungsgrammatiken (siehe z. B. Heilmann 2002) und auch in Lehrwerken Eingang gefunden.
Die didaktischen Grammatiken sind nicht alle einheitlich aufgebaut, so können sie weiter differenziert werden. In Bezug auf ihre Abhängigkeit von Lehrwerken lassen sie sich in drei Gruppen untergliedern:

(1) lehrwerkbezogene Grammatiken
(2) lehrwerkunabhägige Grammatiken (Nachschlagewerke)
(3) lehrwerkunabhängige Übungsbücher